Passkeys gelten als das Ende des Passwort-Phishings. Kein geteiltes Geheimnis, keine wiederverwendbaren Passwörter, keine abfangbaren Einmalcodes – stattdessen ein privater Schlüssel, der das Gerät nie verlässt. Ein neues White Paper von Michael Grafnetter (SpecterOps), vorgestellt auf der Black Hat USA 2026, zeigt jedoch: Die kryptografische Stärke von WebAuthn nützt wenig, wenn die Implementierung drumherum patzt. Grafnetter fasst die Schwächen unter dem Begriff Pass-the-Passkey zusammen – bewusst in Anlehnung an die aus der Windows-Welt bekannten Angriffe Pass-the-Hash und NTLM-Relay.
Für IT-Verantwortliche und Berater ist die Kernbotschaft doppelt: Passkeys bleiben der richtige Weg – aber ihre Einführung ersetzt weder eine saubere Server-Implementierung noch eine durchdachte Endpoint-Härtung. Der Name ist bewusst gewählt: Wie bei Pass-the-Hash und NTLM-Relay zielt der Angriff nicht auf die Kryptografie, sondern auf die Schicht darum herum.
Das Wichtigste in Kürze
- Passkeys sind nicht „kaputt“. Sie bleiben ein deutlicher Fortschritt gegenüber Passwörtern. Das Problem liegt, wie so oft, in der Umsetzung, nicht im Konzept.
- Drei Zero-Days in Windows 11 und Microsoft Entra ID, davon zwei als Replay-Kette kombinierbar.
- Zwei sind gepatcht, eine bleibt offen: Das Credential-UI-Window-Handle-Spoofing wurde von Microsoft als „Low / Defense in Depth“ bewertet und nicht behoben.
- Malware-basiertes Passkey-Phishing funktioniert ganz ohne Microsoft-Bug – es genügt Schadcode auf dem Endgerät.
- Synchronisierte Passkeys sind bequemer, aber exponierter. Für privilegierte Konten gehören gerätegebundene Authenticatoren mit Attestation her.
Warum WebAuthn eigentlich phishing-resistent ist
Stellen wir uns einen Passkey als Schlüssel vor, der fest im Türschloss verbaut ist – er lässt sich nicht herausziehen, nicht kopieren und nicht mitnehmen. Sie können damit auf- und zusperren, aber niemand kann Ihnen den Schlüssel selbst entwenden. Genau das ist der private Schlüssel eines Passkeys: Er verlässt das Gerät nie.
Der Schutz ruht im Kern auf zwei Design-Entscheidungen.
Origin-Binding (Phishing-Schutz): Der Browser trägt die echte Herkunft der aufrufenden Seite in die signierten Daten ein, nicht die Webseite selbst. Im Bild gesprochen passt Ihr Schlüssel nur in das Schloss einer bestimmten Haustür. Baut ein Betrüger eine täuschend echte Kulisse Ihres Hauses nach, bleibt sein nachgemachtes Schloss außen vor – Ihr Schlüssel dreht sich dort schlicht nicht. Eine Phishing-Seite kann deshalb keine gültige Assertion erzeugen.
Frische Challenges und Signaturzähler (Replay-Schutz): Jede Anmeldung nutzt eine einmalige Zufalls-Challenge. Das ist wie ein Pförtner, der Ihnen bei jedem Besuch einen neuen, frisch gestempelten Losungszettel gibt – ein alter Zettel von gestern ist wertlos. Zusätzlich führen Hardware-Authenticatoren einen hochzählenden Zähler mit, vergleichbar mit einem Kilometerzähler: Tauchen plötzlich zwei Schlüssel mit demselben Zählerstand auf, muss einer davon eine Kopie sein.
Der entscheidende Haken: Diese Garantien sind nur so stark wie die Prüflogik der Gegenstelle. Es nützt der beste Losungszettel nichts, wenn der Pförtner gar nicht kontrolliert, ob er schon einmal benutzt wurde. Die WebAuthn-Spezifikation definiert ein 25-Schritte-Verfahren zur Verifikation einer Assertion. Lässt ein Betreiber wichtige Prüfungen weg – Einmaligkeit der Challenge, Bindung an die Session, Zählerkontrolle – degradiert das „unphishbare“ Verfahren still und leise zu etwas, das sich weiterleiten oder erneut abspielen lässt.
Drei Passkey-Schwachstellen in Windows 11 und Entra ID
Das Herzstück der Forschung sind drei praktisch ausnutzbare Schwachstellen. Zwei davon bilden zusammen eine komplette Replay-Kette.
1. Vollständige Assertions im Windows Event Log (CVE-2026-34348)
Bildlich gesprochen notierte hier der Pförtner den kompletten geheimen Handschlag inklusive Losungswort in ein Logbuch, das im ganzen Gebäude offen auslag. Konkret: Windows 11 schrieb vollständige WebAuthn-Assertions im Klartext in das Ereignisprotokoll Microsoft-Windows-WebAuthN/Operational.
Das betraf praktisch alle Authenticator-Typen – Windows Hello, YubiKeys, Passwort-Manager-Plugins und hybride Flows via Smartphone. Ausgenommen waren nur private Browserfenster (InPrivate/Inkognito) und einige Passwort-Manager, die den Windows-WebAuthn-Weg umgehen.
Brisant ist die Berechtigungslage: Lokal reicht Mitgliedschaft in der Gruppe „Benutzer“, remote genügen bereits Gruppen wie „Ereignisprotokollleser“ oder „Remotedesktopbenutzer“. Ein Angreifer mit geringen Rechten auf einem geteilten Rechner konnte so die Assertion eines dort angemeldeten Global Admins auslesen – ein klassischer Privilege-Escalation-Pfad in die Cloud.
Der Forscher meldete das Ganze als Privilege Escalation (CVSS 8.6). Microsoft stufte es abweichend als „Information Disclosure“ ein (CVSS 6.5, CWE-693), zahlte 1.000 US-Dollar Bounty und lieferte am 14. Juli 2026 einen Fix, der die Signatur in den geloggten Assertions auf sechs Bytes kürzt – gerade genug fürs Debugging, zu wenig für einen Replay.
2. Fehlender Replay-Schutz in Microsoft Entra ID
Genau hier machte der Pförtner den entscheidenden Fehler: Er kontrollierte nicht, ob ein Losungszettel schon einmal vorgelegt wurde. Entra ID prüfte weder die Wiederverwendung von Challenges noch Signaturzähler.
Statt Challenges serverseitig zu speichern, setzte Microsoft aus Skalierungsgründen auf kurzlebige, signierte JWT-Tokens – nominell fünf Minuten gültig, in der Praxis bis zu zehn Minuten akzeptiert (zum Ausgleich von Zeitversatz). Für automatisierte Angriffe ist das ein komfortables Zeitfenster.
Für sich genommen ist diese Lücke moderat, weil ein Angreifer zunächst HTTPS-Verkehr abfangen müsste. Kombiniert mit der Event-Log-Schwäche (Nr. 1) entsteht jedoch eine praktikable Angriffskette, die phishing-resistente MFA aushebelt – ohne dass die getesteten XDR-Lösungen (inklusive Defender for Identity unter Microsoft 365 E5) Alarm schlugen.
Microsoft rollte im Mai 2026 stillschweigend eine Zähler-Prüfung aus – allerdings nur für FIDO2-Sicherheitsschlüssel und VBS-basiertes Windows Hello. Reguläre Windows-Hello-Passkeys bleiben anfällig, weil sie stets den Zählerwert 0 senden. Auch manche synchronisierten Passkeys (etwa aus KeePassXC) unterstützen keine Zähler.
3. Credential-UI-Window-Handle-Spoofing (ungepatcht)
Man stelle sich einen unbekannten Handwerker vor, der seinen Auftragszettel direkt unter das Firmenschild eines vertrauten Unternehmens hält – schon wirkt er seriös. Technisch: Die Windows-API WebAuthNAuthenticatorGetAssertionvalidiert das übergebene Fenster-Handle (hWnd) nicht sauber. Angreifer können den Passkey-Dialog dadurch in den Kontext einer anderen, vertrauenswürdigen Anwendung – etwa des Browsers – einhängen, selbst über Benutzergrenzen hinweg.
Microsoft stufte die Schwachstelle als „Low“ in der Kategorie „Defense in Depth“ ein und schloss den Fall, ohne einen Fix zu liefern (der Forscher bewertet sie mit CVSS 8.0). Genau diese offene Lücke macht die folgenden Phishing-Techniken so überzeugend.
Passkey-Phishing: Der Angriff, der keinen Bug braucht
Der praxisrelevanteste Teil des Papers sind Angriffe, die keine spezifische Microsoft-Lücke voraussetzen – nur Malware auf dem Endgerät des Opfers.
Der Kerngedanke lässt sich wieder mit dem eingebauten Schlüssel erklären: Der Angreifer muss ihn gar nicht herausbrechen. Es reicht, im richtigen Moment höflich zu fragen „Würden Sie bitte kurz aufsperren?“ – und der Bewohner sperrt reflexartig auf. Übertragen: Ein Angreifer muss den privaten Schlüssel nicht extrahieren. Es genügt, das Betriebssystem um eine signierte Assertion zu bitten.
Ruft eine gewöhnliche Anwendung die Windows-WebAuthn-API direkt auf, gibt sie den Origin selbst an – anders als ein Browser ist sie nicht an die echte Seitenherkunft gebunden. Sie kann also eine Assertion für login.microsoft.com, github.comoder jeden beliebigen Dienst anfordern. Aus Sicht des Opfers sieht alles normal aus: Der gewohnte Windows-Hello-Dialog erscheint, man legt den Finger auf den Sensor – und die Malware erhält die fertige Assertion und reicht sie an den Operator weiter.
Mehrere Bausteine machen das alltagstauglich und gefährlich:
- Prompt Flooding – das Passkey-Äquivalent zur MFA-Fatigue, im Grunde ein Angreifer, der so lange Sturm klingelt, bis man nur zum Ruhigwerden öffnet. Nach jedem Abbrechen startet er die Zeremonie neu, bis die Challenge abläuft. Grafnetter merkt an, dass selbst erfahrene Security-Leute solche Prompts reflexartig bestätigen.
- Application-Metadata-Spoofing – der im Dialog angezeigte Anwendungsname stammt aus den Versionsinformationen der EXE. Wenige Zeilen im .NET-Projekt (
AssemblyTitle,Authors) genügen, damit „Requested by Microsoft Edge (Microsoft Corporation)“ erscheint. - Window-Handle-Injection – dank der ungepatchten Lücke (Nr. 3) erscheint der Prompt als modaler Dialog des echten Browsers und wird so nahezu ununterscheidbar von einer legitimen Anfrage.
- Remote-Desktop-Phishing – Windows leitet Passkey-Anfragen standardmäßig über RDP und Hyper-V-Enhanced-Session weiter (via MS-RDPEWA). Läuft Malware auf dem entfernten Host, kann sie den Prompt lokal beim Nutzer auslösen.
Ergänzend beschreibt das Paper den Passkey Detour Attack: Eine mit Microsoft Detours in webauthn.dll eingeklinkte Hook leitet die Zeremonie in Echtzeit um – wahlweise zum Abgreifen der Assertion, zum Unterschieben einer eigenen Challenge oder beidem gleichzeitig.
Eng verwandt ist der Angriff auf den Registrierungsprozess: Statt eine einzelne Anmeldung abzugreifen, hinterlegt ein Angreifer mit ausreichenden Rechten einen eigenen, dauerhaften Passkey im Konto des Opfers (im Paper als Shadow Passkey bezeichnet). Wie sich dieser Persistenz-Mechanismus in der Praxis über Social Engineering und legitime Registrierungs-Flows ausnutzen lässt, zeigen die realen Kampagnen in unseren Beiträgen zu Windows-Hello-Schlüsseln als Angriffsfläche und zur Passkey-Vishing-Masche gegen Microsoft 365.
Synchronisierte vs. gerätegebundene Passkeys
Ein eigenes Kapitel gilt Software-Authenticatoren. Gerätegebundene Passkeys verlassen ihre Hardware nie – der Schlüssel bleibt fest im Schloss. Synchronisierte Passkeys sind eher wie Kopien Ihres Hausschlüssels, die Sie in einem Cloud-Schließfach ablegen, damit Sie von Handy, Tablet und Laptop aus hineinkommen. Bequem – aber die ganze Sammlung ist nur so sicher wie das Zahlenschloss am Schließfach, also das Konto-Passwort des Vaults. Das kehrt das Sicherheitsversprechen um: Ein phishing-resistentes Credential wird aus einem phishbaren Passwort abgeleitet.
Das Paper zeigt konkret, wie Exportformate zum Problem werden: KeePassXC exportiert Passkeys im Klartext (immerhin mit deutlicher Warnung), Bitwarden schreibt sie im standardmäßig unverschlüsselten JSON-Export offen heraus, und auch das aufkommende Credential Exchange Format (CXF) legt das Schlüsselmaterial offen, sobald eine Datei außerhalb des geschützten Transfers landet. Malware, die Laufwerke gezielt nach solchen Dateien durchsucht, ist leicht vorstellbar.
Die klare Empfehlung: Für hochwertige Konten – der Entra-ID-Global-Admin ist das Paradebeispiel – gehören gerätegebundene Authenticatoren her, nicht synchronisierte.
Handlungsempfehlungen für die Praxis
Grafnetter bleibt trotz allem ausdrücklich optimistisch: Passkeys sind ein klarer Fortschritt gegenüber Passwörtern, und der Umstieg sollte weitergehen. Die Botschaft ist nicht „Passkeys sind unsicher“, sondern „Passkeys allein reichen nicht“.
Für Web-Application-Entwickler:
- Alle serverseitigen Prüfungen gemäß WebAuthn-Spezifikation implementieren – inklusive Erkennung wiederverwendeter Challenges und geklonter Schlüssel.
- Challenges an die Nutzer-Session binden.
- Bewährte WebAuthn-SDKs statt Eigenbau einsetzen.
- Keine sensiblen Authentifizierungsdaten in Logs schreiben.
Für Pentester und Red Teamer:
- Passkey-Implementierungen aktiv in Engagements aufnehmen.
- Gezielt auf Replay- und Relay-Schwächen prüfen.
- Assertion-Tampering testen (UV-/UP-Flags, Signatur, Zähler).
Für IT-Administratoren:
- Windows 11 konsequent aktuell halten.
- In Conditional-Access-Policies nicht allein auf das Kriterium „phishing-resistente MFA“ vertrauen (siehe dazu auch unsere Analyse der identitätsbasierten Cloud-Angriffe rund um Storm-2949).
- Ausführung nicht autorisierter Anwendungen und Installation ungeprüfter Browser-Erweiterungen unterbinden.
- Passkey-Attestation für hochwertige Nutzer erzwingen und gerätegebundene Authenticatoren bevorzugen.
- WebAuthn-Nutzung durch Nicht-Browser-Anwendungen über die Windows-Ereignisprotokolle detektieren.
- Anwender sensibilisieren, unerwartete Passkey-Prompts nicht reflexartig zu bestätigen.
FAQ zu Passkey-Sicherheit
Sind Passkeys unsicher? Nein. Passkeys sind weiterhin deutlich sicherer als Passwörter. Die Pass-the-Passkey-Forschung zeigt Schwächen in der Implementierung (Windows 11, Entra ID, Passwort-Manager-Exporte), nicht im kryptografischen Konzept von WebAuthn selbst.
Was ist Pass-the-Passkey? Ein Sammelbegriff für Angriffe, bei denen gültige WebAuthn-Assertions abgegriffen, weitergeleitet oder erneut abgespielt werden – analog zu Pass-the-Hash und NTLM-Relay. Ziel ist es, eine Identität zu übernehmen, ohne den privaten Schlüssel je zu besitzen.
Bin ich als Anwender betroffen? Zwei der drei Schwachstellen sind mit aktuellen Windows- und Entra-ID-Updates behoben. Das Credential-UI-Window-Handle-Spoofing bleibt offen. Der wirksamste Schutz ist Wachsamkeit bei unerwarteten Passkey-Dialogen plus eine gehärtete Endpoint-Umgebung.
Synchronisierte oder gerätegebundene Passkeys – was ist besser? Für Alltagskonten sind synchronisierte Passkeys ein guter, bequemer Kompromiss. Für privilegierte oder hochsensible Konten sollten gerätegebundene Authenticatoren (z. B. FIDO2-Sicherheitsschlüssel oder TPM-gestütztes Windows Hello) mit erzwungener Attestation verwendet werden.
Reicht „phishing-resistente MFA“ in Conditional-Access-Policies als Schutz? Nicht allein. Die Forschung zeigt, dass sich dieses Kriterium unter bestimmten Bedingungen erfüllen lässt, obwohl die Identität kompromittiert wurde. Es sollte Teil eines mehrschichtigen Konzepts sein.
Weiterführende Artikel auf diesem Blog
- Wenn passwortlose Authentifizierung zur Angriffsfläche wird – „Borrowing Windows Hello Keys“ – warum nicht die Kryptografie, sondern der Registrierungsprozess das Ziel ist.
- Neue Passkey-Betrugsmasche gegen Microsoft 365 (Vishing) – Social Engineering gegen die Entra-Passkey-Registrierung.
- Storm-2949: Identität als Sicherheitsperimeter – Conditional Access, Device-Code-Phishing und phishing-resistente MFA im Kontext realer Cloud-Angriffe.
- KerberLoss und ResetNightmare – Identity-Confusion-Angriffe auf Active Directory als verwandtes Muster.
Fazit
Die Pass-the-Passkey-Reihe ist ein Lehrstück dafür, dass Sicherheitsversprechen an der Umsetzung hängen. WebAuthn ist kryptografisch solide – aber ausgelassene Server-Prüfungen, ein zu geschwätziges Event Log und ein nicht validiertes Fenster-Handle reichen, um phishing-resistente MFA praktisch zu umgehen. Wer Passkeys einführt (und das sollte man), plant serverseitige Konformität, Endpoint-Härtung und Monitoring von Anfang an mit ein. Für die wirklich kritischen Identitäten führt an gerätegebundenen Authenticatoren mit Attestation kaum ein Weg vorbei.
Quelle: Michael Grafnetter, „Pass-the-Passkey Family of Attacks“, SpecterOps / Black Hat USA 2026. Stand der Angaben: White Paper Version 1.0 vom 17. Juli 2026 – Microsoft kann seither weitere Mitigationen ausgerollt haben.

